Das Panzerabwehrsystem Centurion in Bunker
Aktualisiert am: 07. August 2011
Wir schreiben den 20. November 1917 - es ist der Erste Weltkrieg. Der Krieg ist ein Stellungskrieg, in welchem das MG das Schlachtfeld beherrscht. Dies soll sich aber an diesem Tag ändern. Um 6:20 Uhr eröffnet die britische Artillerie das Feuer auf die deutschen Stellungen beim strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Cambrai in Frankreich. Die Deutschen waren vorgewarnt und hatten sich in ihre Unterstände zurückgezogen. Doch bereits um 7:15 endet das Trommelfeuer ungewohnt schnell. Die deutschen Truppen

beziehen ihre Stellungen und machen die MG bereit. Nebelschwaden hängen über dem Schlachtfeld und die deutschen Truppen vernehmen nur röhrende Motoren die näher zu kommen scheinen. Urplötzlich tauchen über 200 stählerne Kolosse vor den deutschen Schützengräben auf. In Panik ergreifen die deutschen Soldaten nach kurzen Kampf die Flucht und das gesamte deutsche Stellungssystem ging, mit einer Ausnahme, innerhalb weniger Stunden verloren. Den Briten war es gelungen, auf einer Breite von zwölf Kilometern die Frontlinie zu durchbrechen und mehr als sechs Kilometer tief vorzustoßen. Die britischen Verbände hatten dabei nur 11 (!!) Gefallene zu vermelden. Der Panzer - von den Briten Tank genannt - ist auf dem Schlachtfeld erschienen und sollte fortan das Kriegsbild - bis in die heutige Zeit hinein - prägen.


Deutschland verlor den Krieg, aber unter der Leitung des deutschen Generals Heinz Guderian entstand in unserem nördlichen Nachbarland eine neue Nazi-Panzerarmee, welche die Siege des Blitzkrieges errang. Die Kampfwagen wurden während des Krieges immer grösser und die Panzerung immer stärker. Obwohl es die Alliierten waren, die den Tank erfanden, hatten sie die Entwicklung des Tanks praktisch eingestellt. Darum waren sie zu Beginn des Krieges den Deutschen hoffnungslos unterlegen. Schnell schaffte es die Rote Armee, einen ausgewogenen Kampfpanzer zu bauen, welcher es mit den Deutschen aufnehmen konnte, und in Sachen Taktik hatten die Sowjets die richtigen Lehren aus den frühen Niederlagen gezogen. Am Ende des Krieges beherrschten wieder die Panzer das Schlachtfeld, doch dieses Mal waren es die sowjetischen Panzerarmeen.
Unter den Eindrücken der wachsenden Wehrmacht, des Blitzkrieges und später der ständigen sowjetischen Bedrohung im Kalten Krieg, suchte die Schweizer Armee ihr Heil in der verbunkerten Panzerabwehr. Panzerabwehrkanonen wurden in Festungen eingebaut und Stellungen für die mobile Panzerabwehr erstellt. Während zu Beginn des Zweiten Weltkriegs die eben erst eingebaute 4.7 cm Infanteriekanone noch zur Abwehr der ersten Generation von Nazi-Panzern ausreichte, war bereits ab Mitte des Kriegs diese Waffe praktisch wirkungslos. Erst ab den 50er Jahren stand mit der 9 cm Pak 50/57 wieder eine wirkungsvolle Panzerabwehrkanone zur Verfügung, welche mit moderner Hohlladungsmunition die aktuellen Panzerungen durchdringen konnte. Diese Kanonen sollten bis Ende 1994 das Schwergewicht der verbunkerten Panzerabwehr sein.

Die Schweiz beschafft Panzer
Im Jahr 1954 beschaffte die Schweizer Armee endlich ihren ersten richtigen 26 Kampfpanzer. Als Model wurde der britische Centurion-Kampfpanzer (Typ Mark III) ausgewählt. Dieser Panzer wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs entwickelt, erschien aber zu spät, um noch entscheidend auf dem Schlachtfeld mitwirken zu können. Bis 1960 beschaffte man aus England und Südafrika nochmals 200 Stück dieses Panzers (Model Mark V). Ursprünglich mit einer 84 mm Kanone ausgerüstet, wurden 1960 alle Panzer mit der erfolgreichen Royal Ordonance L7 (10.5 cm L52) Kanone ausgerüstet. In dieser Konfiguration war der "Centi" Panzer in den Panzer Bataillonen der Schweizer Armee im Einsatz. Wie effektiv diese Kanone war, zeigte die israelische Armee eindrucksvoll im Yom-Kippur Krieg, als nur 100 Centurions die rund 500 Syrischen Panzer (sowjetische Model T55 und T62) schlugen.

Als klar wurde, dass der Centurion nicht kampfwertgesteigert werden sollte, erarbeitete die Armee eine Studie, die aufzeigen sollte, was mit dem Panzer oder Teilen davon geschehen sollte. Insbesondere für die leistungsfähige Kanone suchte man nach neuen Einsatzmöglichkeiten. Die Variante "verbunkerter Panzerturm in Sperren, kombiniert mit einem Geländepanzerhindernis" wurde zur weiteren Bearbeitung freigegeben. Von 1986 bis 1989 entwickelte man ein verbunkertes Centurion Panzerabwehrsystem, mit dem bestehende Sperrstellen verstärkt und so der operative Wert erhöht werden konnte.





Das Konzept der Centurion Bunker
Das technische Konzept umfasste im Prinzip einen zweistöckigen Monoblock Bunker aus Stahlbeton, auf welchen ein Centurion-Turm aufgesetzt werden sollte. Der Monoblock sollte primär in Hanglagen eingebaut werden.
Im unteren Stock wurden Bereitstellungsraum und Motorennische erstellt. Im Bereitstellungsraum wurde die Munition (nur im Kriegsfall) zwischengelagert, vorbereitet und über eine Leiter in die Munitionshalterungen des Turms gebracht. Dem Waffenmechaniker stand eine Werkbank mit Werkzeug und Ersatzteilmaterial zur Verfügung. Für die Notstromversorgung war ein 2 kW Faryman Notstromgenerator eingebaut.
Der Bereitstellungsraum war über eine Gasschleuse mit einem Unterkunftsraum verbunden. Dieser enthielt eine Filtergruppe, eine Pritsche mit drei Liegestellen und ein Trockenabort. Fliessend Wasser war keines in der Anlage vorhanden.

Während der untere Stock unterirdisch lag, ragte der obere Stock heraus. Dort wurde der stark modifizierte Turm eingesetzt. Entsprechend für die ortsfeste Verwendung erfolgte nun die Höhen- und Seitenrichtung nur noch mechanisch von Hand. Der Turm wurde mit einem Mantel aus Stahlbeton umgeben, welcher oben mit zusätzlichen grossen Granitsteinen verstärkt war. Zusätzlich wurde der Turm mit einer aufge- schraubten Reaktivpanzerung verstärkt. 1990 schützet die Konstruktion gegen alle bekannten Geschosse bis Kaliber 203 mm und bot eine sehr kleine Zielfläche.

Konzept und Raumaufteilung Centurion Bunker [ Version Friends only ]
Schalungsplan Centurion Bunker [ Version Friends only ]
Schema Ventilation Centurion Bunker [ Version Friends only ]

Als Munition standen Pfeil-Granaten und Panzer-Sprenggranaten (HESH = High Explosive Squash Head = Hochexplosiver Quetschkopf) zur Verfügung. 18 Schuss konnten im Turm gelagert werden. Dabei war ein Mix von 2/3 Pfeil und 1/3 HESH üblich. Die Pfeilmunition (Anfangsgeschwindigkeit 1448 m/s) in Kombination mit der immer noch modernen Kanone durchschlägt auch heute noch alle bekannten Panzerungen. Das Geschützrohr hat ein Gewicht von 788 kg und ist 5.3 Meter lang. Das komplette Geschütz wiegt feuerbereit 2.2 Tonnen.

Für den Einsatz bei Nacht und künstlichen Nebel war ein Wärmebild-Zielgerät (WBZG 90) eingebaut. Die Beschaffung dieses Geräts führte dann im März 1996 zu einer parlamentarischen Anfrage. 1990 beschaffte man 72 Geräte - für 59 geplante Bunker - zu einem Stückpreis von 190'000 CHF. Da aber am Ende nur 35 benötigt wurden, waren 37 Geräte im Gesamtwert von ca. 7 Mio CHF überflüssig.

Für den Betrieb und Einsatz des Bunkers waren 6 Mann notwendig. Diese gliederten sich in einen Bunker-Kommandanten im Range eines Unteroffiziers, welcher die Besatzung im Gefecht führte. Dazu kamen je ein Beobachter, Richter, Lader, Munitionswart und Geschützmechaniker. Dank einheitlicher Ausbildung konnte alle Mann, mit Ausnahme des Geschützmechanikers, in allen Chargen eingesetzt werden.

Das Konzept der Panzertürme auf Bunkern ist keine Schweizer Idee. Bereits im Zweiten Weltkrieg hat die Wehrmacht oder die Rote Armee dieses Konzept angewendet.
Ein durchgängiges Netz von verbunkerten Panzertürmen gab es seit den frühen 1970er Jahren bei unseren Nachbarn in Österreich. Das Österreichische Bundesheer nannte solche Bunker "Feste Anlagen" und besonders entlang den östlichen Einfallsachsen waren sie in grosser Zahl vorhanden. Zwei solcher Bunker gab es auch in Vorarlberg in der Bregenzerwälder Ortschaft Egg.

Einführung und Bau der Centurion Bunker
Nach erfolgreicher Erprobung und Truppenversuchen wurde 1989 das verbunkerte 10.5 cm Panzerabwehrsystem Centurion als truppentauglich erklärt.

Da die bestehenden 9 cm Panzerabwehrkanonen auf moderne Panzer keine Wirkung mehr hatten, mussten diese bald ausgemustert werden. Zahlreiche Sperrstellen verloren ihr Panzerabwehrfeuer. Das Konzept der Centi-Bunker versprach daher eine ideale Ersatzlösung zu werden. Die Truppe wurden damit in die Lage versetzt, bei Nacht, Nebel und schlechtem Wetter den Feuerkampf gegen




vor Sperrstellen aufgelaufenen feindlichen Panzerverbänden aufzunehmen und sich über längere Zeit einem gegnerischen Vorstoss wirksam widersetzen zu können. Dabei waren die Bunkerbesatzungen vor C-Einsätzen und gegnerischem Artillerie -Beschuss geschützt.

Geplant waren rund 100 solcher Monoblocks zum Stückpreis von 700'000 CHF an den wichtigsten Sperrstellen zu errichten. Der Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges sorgten dann dafür, dass die Anzahl zuerst auf 59 und später auf nur noch 28 Anlagen reduziert wurde. Schliesslich wurden bis 1995 jedoch nur 20 Monoblocks an Sperrstellen und 3 Übungsanlagen auf dem Schiessplatz Chirel errichtet.

Der Bau der Bunker war relativ unproblematisch, da er im Tagbau erfolgte. Dazu wurde eine Mulde ausgehoben und der Bunker darin erstellt. Einziger heikler Moment war das Einsetzen des Turmes. Die ersten Türme wurden noch mit herkömmlichem Pneu-Kran eingesetzt. Spätere Türme wurden durch einen speziell konzipierten Transportpanzer mit Teleskopkran eingesetzt, was das Ganze deutlich vereinfachte. Weil der Panzer 63 Tonnen wog, musste man die Zufahrt von der Bahn-Verladerampe zum Bunker jeweils genau abklären.

Einige Centurion-Bunker wurden an Standorten mit bereits bestehenden Anlagen errichtet. Dazu wurden entweder bestehende Bunker ganz abgebrochen (Roost), teilabgebrochen und der Centi integriert (Sargans), oder der Centi-Bunker mit dem bestehenden Bunker verbunden und dieser als Unterkunft verwendet (Stadel).

Der erste operationelle Centi-Bunker wurde im Herbst 1990 bei der Sperrstelle Rein erstellt. Ab 1991 bis 1995 erfolgte die Serienfertigung. An folgenden Sperrstellen wurden Centi-Bunker errichtet: Rein - Roost (AG, 2 Centi), Hornussen (AG, 2 Centi), Murten (FR, 1 Centi), Sargans (SG, 2 Centi), Premier (VD, 1 Centi), St. Triphon-Collombey (VD, 3 Centi), Camorino (TI, 2 Centi), Capolago (TI, 1 Centi), Stadel (ZH, 3 Centi) und Unterstammheim (ZH, 3 Centi).
Neben den Centurion-Bunkern erstellte man jeweils in der Umgebung für die Aussenbesatzungen neue Atomschutz-Unterstände (ASU).

Die Ausbildung der Besatzungen erfolgte ab 1992 in Form von Umschulungskursen für ehemalige Panzerbesatzungen. Diese wurde im Ausbildungszentrum Därstetten durchgeführt. In diesem modernen Ausbildungszentrum standen dazu modernste, computergestützte Simulatoren zur Verfügung. Die bewegliche Zieldarstellung erfolgte via Bildschirm und es konnte so das Schiessen im Gelände von real existierenden Stellungen geübt werden. Scharf geschossen wurde nur auf dem Schiessplatz Chirel im Diemtigtal.

Betrieben wurden die Anlagen durch die Panzerabwehrzüge in den Festungs-Abteilungen der jeweiligen Grenzbrigaden. Mit Einführung der Armee 95 waren die Panzerabwehrzüge der jeweiligen Festungspionier Stabskompanie für den Einsatz zuständig.   Kampfführung mit Centurion Bunker [ Version Friends only ]

Den Centi-Bunkern war nur eine sehr kurze Lebensdauer gegönnt. Mit Einführung der Armee XXI wurden sämtliche Centurion-Bunker aufgegeben und per 1. Januar 2003 entklassifiziert. Weil die zusätzlich angebrachte Reaktivpanzerung noch immer klassifiziert und geheim ist, können die Bunker nicht verkauft werden. Deshalb sind die meisten Anlagen inzwischen zur Miete an Festungsvereine übergegangen und können dort besichtigt werden.
 
Das kleine Igel-Lexikon


Bau Centurion Bunker
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Feuer!
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Ausbildungszentrum
und Simulator

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Centurion Schollberg
Fest Br 13



Centurion Rein / Roost
Gz Br 5



Centurion Unterstammheim
Gz Br 6



Centurion Stadel
Gz Br 6

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